Die Bandbreite an benötigtem Schlaf reicht von vier bis zwölf Stunden. „Fast jeder weiß, wie lang er schlafen muss, damit er ausgeschlafen ist“, sagt Prim. Univ.-Prof. DDr. Michael Lehofer, Vorstand der Psychiatrischen Abteilung I an der Landes-Nervenklinik Sigmund Freud Graz auf der 8. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie.
Der Schlaf ist – wenn er autonom reguliert werden kann – ein zentraler Teil unserer Identität. Wenn sich im Laufe des Lebens der Schlaf verändert, könne das zu einer Beunruhigung und Ängstlichkeit führen, so der Schlafexperte.
Man wacht beispielsweise zu einem bislang ungewohnten Zeitpunkt auf und kann aus dieser Beunruhigung heraus nicht mehr einschlafen. „So entstehen viele primäre Schlafstörungen, weil wir uns unserer Identität in Bezug auf den Schlaf nicht sicher sind“, weiß Prof. Lehofer. Generell sollten Schlafstörungen immer schnell behandelt werden, da sie das Risiko für eine Depression deutlich erhöhen.
Der Hauptgrund, warum wir überhaupt schlafen, dürfte die Reorganisation und Erholung des Gehirns bzw. die Konsolidierung des Gedächtnisses sein. „Man weiß mittlerweile, dass das bewusste Gedächtnis im non-REM-Schlaf und das viel größere unbewusste Gedächtnis im REM-Schlaf konsolidiert wird“, berichtet der Schlafforscher. Daher sind beide Arten des Schlafs sehr wichtig. Ein anderer Grund für den Schlaf ist die „General-Überholung“ der Temperaturregulation, besonders in den REM-Phasen. „Wenn Sie übernächtig sind, wird Ihnen leicht kalt“, so Prof. Lehofer.
Depressive haben
abgeflachte Rhythmen
Der Schlaf gehört zum zirkadianen
Rhythmus, der von der inneren
Uhr, dem Nucleus suprachiasmaticus,
generiert wird. Diese innere
Uhr ist zwar genetisch determiniert,
hat aber ein „Feedback-System“.
Externe Zeitgeber wie Licht (mittels eigener Ganglienzellen in der Retina, kann daher auch bei blinden Menschen funktionieren) oder soziale Zeitgeber wie Essenszeiten, Arbeitsbeginn beeinflussen die innere Uhr. Aber auch sämtliche andere Parameter in unserem Körper haben einen chronobiologischen Rhythmus, selbst die Körpergröße, die während des Tages bis zu einem Zentimeter schwanken kann.
„Bei Depressionen sind alle rhythmischen biologischen Parameter abgeflacht“, betont Prof. Lehofer. Die Abflachung betrifft auch die Stimmung der depressiv Erkrankten. Dennoch sind Schwankungen festzustellen. Es gebe einige neuere Studien*, nach denen die durchschnittliche Stimmung von Depressiven um 20 Uhr besser sei als die einer Vergleichsgruppe, berichtet Prof. Lehofer.
„Schlafstörungen kommen in 90 % aller Depressionen vor“, informiert der Psychiater, und sie sind daher ein Leitsymptom. Die meisten depressiven Patienten haben eine Hyposomnie, seltener ist eine Hypersomnie. Diese trete hauptsächlich bei bipolaren Störungen auf, sei aber auch ein typisches Merkmal von saisonal abhängigen und atypischen Depressionen, erläutert Prof. Lehofer. Die Patienten mit hypersomnen Depressionen würden allerdings nicht die depressionsspezifischen physiologischen Veränderungen aufweisen, sondern hätten eine normale Schlafstruktur – nur eben ein bis zwei REM-Phasen mehr.
Aus der neurobiologischen Forschung greift der Experte schließlich folgende Ergebnisse heraus: Ursprünglich dachte man, dass eine verkürzte REM-Latenz, also die Zeit bis zum Auftreten der ersten REMPhase, bei depressiven Menschen ein biologischer Marker für die Diagnose wäre. Allerdings fand man heraus, dass die verkürzte REMLatenz (statt 60 bis 90 nur 15 bis 30 Minuten) auch bei älteren Patienten, Angst-Patienten, schizophrenen und manischen Patienten auftritt.
Prof. Lehofer: „Als relativ stabiler Parameter hat sich aber die vermehrte REM-Dichte herausgestellt“. Depressive Menschen haben mehr REM-Phasen als ihre gesunden Altersgenossen. Die azetylcholinerge REM-Regulation (Schlafregulationsmodell von Borbély) dürfte nicht funktionieren. Es zeige sich, dass Cholinomimetika auch bei Remission einer Depression eine Vermehrung der REM-Phasen induziert, bei Gesunden nicht. „Wir können davon ausgehen, dass vermehrte REM-Phasen ein Prädiktor für das Wiederauftreten von depressiven Phasen ist“, resümiert Prof. Lehofer.
Depressive ticken anders
Abschließend geht der Schlafexperte
noch auf ein interessantes Phänomen
ein: Bei Schlafentzugstherapien
kommt es in etwa 70 % zu einer
kurzfristigen Remission, v.a. wenn
man den Patienten um ein Uhr aufweckt
oder ihn gar nicht schlafen
gehen lässt. „Das weist darauf hin,
dass depressive Menschen einen
ganz stark verkürzten circadianen
Rhythmus haben“, so der Psychiater.
Für einen Depressiven ist der ideale
Aufwach-Zeitpunkt daher ein oder
zwei Uhr nachts, „dann ist er wacher,
vigilanter und fröhlicher, als
wenn er um sechs Uhr aufsteht“.
Die Depression könnte eventuell ein „Phasenvorverlagerungssyndrom“ sein, stellt Prof. Lehofer in den Raum. Antidepressiva würden übrigens bis auf wenige Ausnahmen den REM-Schlaf stören und zu Durchschlafstörungen und Verringerungen des Tiefschlafs (v.a. über den serotonergen Mechanismus) führen, so Prof. Lehofer, „nichtsdestotrotz sind sie auf Dauer natürlich schlaffördernd, weil die depressionsimmanente Schlafstörung behandelt wird“. Gro
8. ÖGPP-Jahrestagung, Gmunden, April 2008
* z.B. Murray G, J Affect Disord 2007; 102 (1–3): 47 – 53




