Isolierte systolische Hypertonie

Was beim Blutdruck im Alter anders ist

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Schon das Alter an sich versteift die Aorta. Hinzu kommen weitere Veränderungen, die in späteren Lebensjahren die Hypertonie zum dominanten Risikofaktor für kardiovaskuläre Ereignisse machen. Selbst Hochbetagte profitieren daher von einer Blutdrucksenkung, allerdings sind die Zielwerte nicht ganz so streng.

 

Schon das Alter per se sei ein „ganz eminenter“ kardiovaskulärer (CV) Risikofaktor,, betont OÄ Prof. Dr. Heidemarie Pilz, 1. Med. Abt., Kaiserin-Elisabeth-Spital in Wien, kürzlich auf dem Forum der Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie im Gasteinertal. Im Alter steigt die endotheliale Dysfunktion, die NO-Funktion sinkt. Zudem fördert das Alter an sich die Entwicklung der Arteriosklerose. Durch die Nephrosklerose nimmt die Nierenfunktion ab, und durch den Rückgang des Grundumsatzes verändert sich auch die Waist-to-Hip-Ratio. Gleichzeitig kommt es zu einer intensiven Interaktion dieser „altersgetriebenen“ Veränderungen mit dem Risikoprofil. Blutdruck, Cholesterin, Adipositas, metabolisches Syndrom nehmen zu. „Ab dem 65. Lebensjahr ist die Hypertonie der dominante Risikofaktor für kardiovaskuläre Ereignisse“, zitiert Prof. Pilz aus den FRAMINGHAM- Daten.

Frauen sind anders

Während in jüngeren Jahren eher Männer hyperton sind, entwickeln ab dem fünfzigsten Lebensjahr vorwiegend Frauen einen zu hohen Blutdruck. Die RR-Normwerte im Alter betragen etwa 140/90 mmHg. Auf die Lebenszeit bezogen beginnen Männer mit einem höheren RR, der Anstieg flacht aber mit zunehmendem Lebensalter ab. „Interessant ist der Knick bei Frauen: Etwa ab dem 55. Lebensjahr kippt der systolische Blutdruck quasi weg“, berichtet Prof. Pilz, die Schere zwischen systolischem und diastolischem Wert öffne sich. Der Grund liegt im zunehmenden Mangel an Östrogenen, die eine den Kalziumantagonisten ähnliche Wirkung haben. Der diastolische Blutdruck ist bei beiden Geschlechtern ähnlich in seinem Verhalten, er steigt nur geringfügig mit dem Alter an, ab dem mittleren Lebensalter geht er leicht zurück. „Die isolierte systolische Hypertonie (ISH) ist ab dem fünfzigsten Lebensjahr die vorherrschende Form der Hypertonie“, spricht die Blutdruck- Expertin einen relevanten Punkt an, „über achtzig ist dann praktisch nur mehr die ISH anzutreffen.“

Für die ISH im Alter ist – so die Forschungsergebnisse der letzten Jahre – die massiv veränderte Gefäßwandmorphologie verantwortlich. Die klassische ISH-Definition, also Werte > 140 mmHg/< 90 mmHg, soll laut ESH/ESC-Reappraisal 2009 in drei Grade unterteilt werden. „Meiner Meinung nach ein Unterfangen, das keinem von uns je gelingen wird“, urteilt die Expertin ,,in Wirklichkeit würden wir dreißig Messungen brauchen, um die Schwankungsbreite des Blutdrucks einzuengen.“

Steife Aorta belastet linken Ventrikel

Zur Pathophysiologie der ISH: In einer normalen Funktion von Herz und Aorta kommt es synchron mit der Kontraktion des linken Ventrikels zum Auswurf des Volumens in die Aorta. Wird die Aorta im Rahmen der „Arterial Stiffness“ steif, kann sie ihre Windkesselfunktion, nämlich mit einer Dehnung den Druck aufzufangen, nicht mehr erfüllen. Es kommt es zu einem massiven Anstieg des Druckes in der Aorta hinter dem linken Ventrikel. Ein zweiter Druckgipfel entsteht durch die Reflexion der Welle in der Peripherie. „Die reflektierte Welle kommt schneller zurück, weil das starre Rohr sie schneller zurückleitet“, veranschaulicht Prof. Pilz. Die schneller reflektierte Welle falle so in den ersten Gipfel der Systole hinein und führe zu einer Überhöhung des Drucks hinter der Aortenklappe. „Das ist eine Mehrbelastung für den linken Ventrikel, der natürlich Folgen hat“.

Die Arterial Stiffness selbst ist ein Endorganschaden und gekennzeichnet durch den Elastizitäts- und Dehnbarkeitsverlust der zentralen elastischen Gefäße. Mit zunehmendem Alter – und auch abhängig von CV-Risikofaktoren – komme es zur „Zersplitterung“ der elastischen Fasern. Diese werden durch kollagene Fasern ersetzt, also durch steife und zugfeste Fasern.

Therapie über achtzig

Auch über achtzig macht eine antihypertensiven Therapie Sinn, betont Prof. Pilz: „Schlaganfall und Herzinsuffizienz sinken signifikant, auch wenn CV- und Gesamtmortalität das nicht tun.“ Altersspezifische Antihypertensiva gebe es nicht, „aber eine Reduktion der Arterial Stiffness ist wahrscheinlich durch ACE-Hemmer und AT1-Blocker, kombiniert mit Kalziumantagonisten, gegeben“. Wie stark der Blutdruck gesenkt werden solle, „wissen wir heute nicht evidenzbasiert“, erklärt Prof. Pilz abschließend: „Laut Metaanalysen können bis zum achtzigsten Lebensjahr systolische Zielwertevon 135–145 mmHg empfohlen werden. Ab achtzig dürften die Blutdruck-Zielwerte bei 150–160 mmHg/65–90 mmHg liegen.“

Gro

Forum für Geriatrie und Gerontologie Bad Hofgastein; März 2012

© MMA, Pharmaceutical Tribune • 4. Jahrgang • Nr. 07/2012; Foto: BilderBox.com