Aktiv Altern: Not oder Tugend?

Schildkröten können sehr alt werden, ohne zu altern. Menschen hingegen erleiden mit dem Altwerden automatisch einen Funktionsverlust. Wie damit umgehen?
BAD HOFGASTEIN – Allerorts ist zu hören, wie wichtig aktives Altern ist, um möglichst lange gesund zu leben. Doch beim Geriatrie-Kongress in Bad Hofgastein entbrannte eine lebhafte Diskussion, ob unsere Älteren hier nicht ein Konzept zur Finanzierung des Wohlfahrtsstaates aufs Aug‘ gedrückt bekommen, das sie gar nicht wollen.
„Wehe, Sie sind nicht aktiv, dann haben Sie Erklärungsbedarf in unserer Gesellschaft“, warnt Univ.-Prof. Mag. Dr. Franz Kolland auf dem Forum der Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie (ÖGGG) und relativiert sogleich: „Vielleicht will ich aber gar nicht jung sein im Alter, vielleicht will ich sogar dysfunktional sein.“
Für den Wiener Sozialgerontologen hat der Shift vom „Modell Ruhestand“ zum „Modell Aktives Altern“ einerseits mit Veränderungen im Wohlfahrtsstaat zu tun. Dieser könne sich den „Ruhestand“ nicht mehr leisten, es müsse ein Mehr an Aktivität geben, um ihn zu finanzieren. Auf der anderen Seite sind es die älteren Menschen selber, die immer aktiver werden und ihre Lebensgestaltung in die eigene Hand nehmen. Das wiederum ist laut Prof. Kolland auf den gestiegenen Wohlstand zurückzuführen.
Sehr interessant seien Untersuchungsergebnisse zur Frage, ob man im Alter noch aktiv sein und sich für die Gesellschaft engagieren oder seinen Ruhestand genießen möchte: In allen Alterskohorten stand das Genießen im Vordergrund und nicht das Engagement. Aus diesen Überlegungen heraus schlägt der Experte in Sozialfragen ein von ihm entwickeltes, reduziertes Konzept des Aktiven Altern vor, und zwar das „Triple A“: Aktivität, Anerkennung und Autonomie.
Aktivität brauche sowohl soziale Bezüge und habe auch mit Selbstbestimmung zu tun. Bei hoher Selbstbestimmtheit würden auch gesundheitliche Beeinträchtigungen schwächer gefühlt als bei Außenbestimmtheit, erklärt Prof. Kolland.
Wachsen oder altern
Das Konzept der biogerontologischen Forschung hat das Ziel, die Überlebenskurven von Populationen zu verändern: „Also keine Sterblichkeit bis zu einem bestimmten Alter, und dann mit 140 oder sogar mit 200 km/h, so Sie das wollen, über die Ziellinie zu fahren“, führt Prof. Dr. Johannes Grillari, Leiter des Instituts für Angewandte Mikrobiologie am Department für Biotechnologie der Universität für Bodenkultur Wien, aus. Ein Beispiel für ein solch „erfolgreiches Altern“ ist die Weltrekordhalterin für Langlebigkeit, Jeanne Calment. Die Französin, die 122 Jahre alt wurde, begann mit 85 Jahren zu fechten, fuhr bis 100 Jahre Fahrrad und hörte mit 120 zu rauchen auf.
Bis zu ihrem Tod war sie interessiert an hochmodernen Entwicklungen und hat mit 121 eine CD mit Techno-Musik aufgenommen. Aufschlussreich ist auch ein Blick in die Tierwelt. „Manche Arten altern eigentlich nicht“, weiß Prof. Grillari, „und zwar in dem Sinne, dass sie einen progressiven Funktionsverlust haben.“ Das grundlegende Gesetz dahinter: „Alle Tiere, die aufhören zu wachsen, beginnen auch zu altern und haben einen Funktionsverlust.“
Tiere hingegen, die immer weiter wachsen, wie z.B. Hummer, Störe, Reptilien, Haie, weibliche Schollen, sterben nicht am Alter, sondern durch Fressfeinde, Unfälle – oder Infektionen, wie die mehr als 170 Jahre alte Galápagos- Riesenschildkröte Harriet, die schon zu Zeiten von Charles Darwin auf Erden wandelte.
Wegwerfkörper-Theorie
Spannend erscheint weiters, dass die Alterung extrem heterogen ist und es so gut wie keine gemeinsamen Biomarker gibt, mit denen sich das biologische Alter exakt bestimmen lässt. Kandidaten waren z.B. das Ergrauen der Haare oder ein verlängertes Ohrläppchen, doch auch diese Parameter treffen nicht immer bei allen zu. Zur Erklärung, warum es die Alterung bei Säugetieren überhaupt gibt, hat sich laut Prof. Grillari mittlerweile die „Disposable Soma Theory“, die „Wegwerfkörper-Theorie“, durchgesetzt.
Diese Theorie basiert auf der Prämisse, dass Energie „in der freien Wildbahn“ eine limitierte Ressource ist. „Die beiden Hauptenergiefresser sind die Erhaltung der Körperfunktionen oder aber Reproduktion“, erläutert der Biogerontologe, und der menschliche Körper sei evolutionär eben für die Fortpflanzung optimiert. Überdies beeinflussen drei Eckpunkte den Alterungsprozess: zufällige Schäden (z.B. verkürzt Oxidantien-haltige Nahrung die Lebensspanne), genetische Komponenten (längeres Leben, wenn ein Elternteil zumindest über 70 wurde) und Umwelteinflüsse.
Bei Letzeren ist interessant, dass Stressoren in kleinen Dosen, wie geringe Radioaktivität, positive Effekte haben. Bekannt ist mittlerweile auch, dass eine reduzierte Kalorienzufuhr zu einem längeren Leben führt. Der Nachteil: Zumindest bei Mäusen habe man herausgefunden, erzählt Prof. Grillari, dass diese bei weniger Kalorien zwar länger lebten, jedoch aggressiv und asozial wurden.
Insgesamt ist Altern das „Substrat“, auf dem die altersabhängigen Krankheiten wachsen. „Das Verzögern des Alterungsprozesses kann auch den Beginn von altersabhängigen Krankheiten verzögern“, so der Experte. Noch sei viel Forschung nötig, aber in den letzten ein, zwei Jahren habe man zumindest viele deskriptive Daten zu molekularen Mechanismen der Alterungsvorgänge gesammelt und könne nun langsam beginnen, präventive Maßnahmen auszuprobieren.
Ähnlich wie Prof. Kolland zu Beginn fordert Univ.-Prof. Dr. Cornel C. Sieber, Klinikum Nürnberg-Nord, Deutschland, am Schluss der Sitzung, bei den gängigen „Endpunkten“ umzudenken: „Für aktives Altern hat Lebensqualität – als Zielgröße jedwelchen interventionellen Handelns – Primat gegenüber klassischen Parametern, wie z.B. dem Überleben.“
Mag. Anita Groß
Forum für Geriatrie und Gerontologie Bad Hofgastein; März 2012
Foto: BilderBox.com
© MMA, Medical Tribune • 44. Jahrgang • Nr. 18/2012



