Neurologie Multiple Sklerose bei Mann und Frau

Multiple Sklerose (MS) betrifft, wie bei autoimmun bedingten Krankheiten oft der Fall, Frauen häufiger als Männer. In der Betreuung der MS-Betroffenen sind deshalb eine Reihe von spezifisch weiblichen Problemen zu beachten, sowohl von rein biologischer Seite als auch im Umgang mit der Erkrankung und in Fragen der Lebensführung.

Von Univ.-Prof. Dr. Siegrid Fuchs, Mag. Marisa Loitfelder, Univ.-Prof. Dr. Franz Fazekas

Meist wird MS – wie so viele Erkrankungen – nach wie vor „neutral“ betrachtet und geschlechtsspezifischen Aspekten der Erkrankung nur wenig Beachtung geschenkt. Gerade bei dieser Erkrankung wäre es aber wichtig, sowohl biologisch spezifisch weibliche oder männliche Fragen zu beachten, die sich aus der Erkrankung ergeben, als auch Unterschiede, die aus der sozialen Prägung durch das Geschlecht herrühren.

Geschlechtsverteilung

Der Anteil von MS betroffenen Frauen zu Männern wird derzeit mit etwa 3:1 angegeben. Interessanterweise war diese Relation über die vergangenen Jahrzehnte einem konstanten Wandel unterworfen. Ende des 19. Jahrhunderts schienen sogar Männer häufiger betroffen, wobei allerdings eine selektive Erfassung nicht ausgeschlossen werden kann, da der körperlichen Einschränkung bei den häufiger erwerbstätigen Männern größere Beachtung geschenkt worden sein konnte. In einer Fallserie von annähernd 2.000 Patientinnen und Patienten wurde jedenfalls Anfang des 20 Jahrhunderts immer noch ein häufigeres Vorkommen von MS bei Männern im Verhältnis 3:2 berichtet. Ein Überwiegen von weiblichen Betroffenen geht aus keinem der Berichte aus dieser Zeit hervor.

Erst etwa um 1940 wird eine gleiche Häufigkeit von MS bei Männern und Frauen angegeben. Von 1950 bis 1970 wurde dann begonnen, über einen gering höheren Anteil an Frauen zu berichten, die von MS betroffen waren, in den letzten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wird die Verteilung MS-betroffener Frauen und Männer mit 2:1 angegeben.

Eine große kanadische Studie hat bevölkerungsbasiert und stratifiziert nach dem Geburtsjahr untersucht, wie sich die Verteilung von MS nach dem Geschlecht über die Jahre verändert hat. Es wurden 27.074 Falle in den Geburtsjahren von 1931 bis 1980 erfasst, davon 19.417 Frauen und 7.657 Männer, im Durchschnitt 480 Falle pro Geburtsjahr. Es bestätigte sich dabei ein signifikanter und fortschreitender Anstieg der weiblichen Betroffenen innerhalb der 50 untersuchten Jahre, wobei das derzeitige Verhältnis Frauen zu Männer für Kanada 3,2:1 betragt.

Die Ursachen für diese Änderung sind heiß diskutiert aber bisher unklar. Umweltfaktoren einschließlich geänderter Auseinandersetzung mit verschiedenen Erregern, aber auch Änderungen des Lebensstils und vieles mehr stehen zur Debatte.

Biologische Unterschiede

Therapiefragen.


Dass die für MS untersuchten Medikamente bei Männern und Frauen gleichermaßen wirksam sind, wurde in Studien stabil belegt. Unterschiede ergeben sich eher – wie auch für andere Arzneimittel bekannt – in Handhabung und Nebenwirkungen. Speziell die Hautnebenwirkungen der injizierten Präparate scheinen für Frauen ein größeres Problem zu sein. Allerdings ist diese Information aus Studiendaten wenig ersichtlich und eher eine Erfahrung der täglichen Praxis. Ein gewisser Einfluss von weiblichen Hormonen auf die Erkrankung selbst ist natürlich ebenfalls zu diskutieren und anzunehmen.

Dies ergibt sich schon allein aus der Beobachtung einer Abnahme der Schubhäufigkeit wahrend einer Schwangerschaft mit Wiederansteigen der Krankheitsaktivität postpartal. Die sich daraus eventuell ergebenden therapeutischen Konsequenzen werden gerade in Studien untersucht, derzeit haben diese Überlegungen aber noch keine Relevanz. Der Einsatz oraler Antikonzeptiva ist jedenfalls ohne Bedenken möglich.

Vererbung.

Die mehrheitlich jungen MS-Betroffenen stehen in der Lebensphase der Familienplanung. Vererbbarkeit der Erkrankung ist deshalb eine häufig gestellte Frage. Obwohl MS keine Erbkrankheit ist, sind familiäre Häufungen mit einer Prävalenz von fünf bis zehn Prozent durch eine genetische Disposition bekannt. Die Weitergabe dieser Disposition ist umso wahrscheinlicher, je naher das Verwandtschaftsverhältnis ist. Auch der für andere Erkrankungen beschriebene Carter-Effekt scheint bei MS vorzuliegen, weshalb die Vererbung einer Disposition für MS durch betroffene Männer wahrscheinlicher sein durfte als durch betroffene Frauen.

Sexualität.

Dass MS nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen teils schwerwiegende sexuelle Probleme hervorrufen kann, wurde lange Zeit zu wenig beachtet. MS kann – unabhängig von allen indirekten psychischen und sozialen Belangen – viele direkte Einschränkungen im Sexualbereich verursachen. Dies betrifft sowohl geschlechtsunabhängige Beschwerden wie Sensibilitätsstörungen im Genitalbereich oder andere vegetative Symptome (z.B. Blasenfunktionsstörungen) als auch geschlechtsspezifische Probleme. Bei Männern sind dies Störungen der Erektion und der Ejakulation, bei Frauen Probleme durch trockene Scheide, Muskelspasmen und konsekutive Bewegungseinschränkungen. Eine Verminderung der Libido und Orgasmusfähigkeit sind bei beiden Geschlechtern möglich.

Schwangerschaft.

Die Entscheidung über eine Schwangerschaft ist eine sehr persönliche Sache und jedenfalls von Patientinnen mit MS und deren Partnern selbst zu treffen. Sachinformationen über die medizinischen Fakten müssen aber von ärztlicher Seite beigetragen werden.

MS bedeutet kein Hindernis bezüglich Fertilität und Konzeption. Auch für den Verlauf der Schwangerschaft sind keine besonderen Probleme zu bedenken, die Geburt kann spontan verlaufen. Alle von gynäkologischer Seite eventuell nötigen Maßnahmen wie Sectio, Epiduralanasthesie und Episiotomie unterliegen keinen speziellen Einschränkungen in Bezug auf die MS-Erkrankung.

Das Risiko einer Verschlechterung der MS durch die Schwangerschaft ist nicht gegeben. In einer europäischen Beobachtungsstudie wurde eine Verminderung der Schubrate wahrend der Schwangerschaft und ein Ansteigen postpartal beschrieben. Insgesamt führte die Schwangerschaft aber zu keiner Verschlechterung des Verlaufs.

Auch das Stillen des Babys ist ohne Bedenken möglich. Eine Schädigung des Ungeborenen durch die MS der Mutter wird nicht beschrieben, lediglich eine etwas geringere Größe bei Geburt wird berichtet. Während Schwangerschaft und Stillzeit sind die derzeit verwendeten MS-Therapien kontraindiziert, obwohl zumindest für Interferone und Glatirameracetat bisher keine spezifischen Folgeschaden berichtet wurden.

Soziopsychologische Unterschiede

Lebensqualität.


Dass die Verarbeitung einer Erkrankung und die Bewältigung im täglichen Leben durch soziale Umstande – die Stellung in der Familie und in der Gesellschaft – und durch die im Alltag geforderten Aufgaben beeinflusst wird, ist keine Frage. Dementsprechend ist natürlich auch im sozialen Bereich von geschlechtsspezifischen Unterschieden auszugehen. Allerdings existieren über diese Konstellationen nur sehr wenige Studien, sodass außer Erfahrungsinhalten kaum Informationen dazu geliefert werden können.

Untersuchungen zur Lebensqualität wurden bereits in mehreren Studien durchgeführt. Generell wird dabei die Lebensqualität durch MS Betroffene schlechter bewertet als bei anderen chronischen Erkrankungen. In einer internationalen Vergleichsstudie über drei Länder (Osterreich, Deutschland und Polen) wurde auch die Lebensqualität von Männern und Frauen mit MS verglichen. Es wurde durchgehend für leichte, mittlere und schwere MS-Falle eine schlechtere Lebensqualität bei Frauen festgestellt. Untersuchungen über den Umgang mit der Erkrankung ergaben hingegen bessere Kompensationsstrategien, und zwar sowohl bei MSPatientinnen als auch bei weiblichen Kindern von MS Betroffenen.

Umgang mit MS-Betroffenen.

Die Art des Umgangs mit Patientinnen und Patienten, die an MS erkrankt sind, ist schon deshalb von besonderer Bedeutung, da ja der chronische Verlauf der Erkrankung eine langzeitige Betreuung und Führung nötig macht. Auch die oft eingeschränkte Lebensqualität von MS-Betroffenen und die mannigfaltigen Probleme, die durch die Erkrankung aufgeworfen werden, erfordern ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Zuwendung. Die regelmäßige und konsequente therapeutische Führung ist ein weiterer wichtiger Aspekt, oft ist aber auch einfach nur eine Beratung in verschiedenen Lebenssituationen hilfreich. Diese Beratung wird ohne Zweifel in vielen Fragen nicht nur MS-spezifisch sein, sondern auch geschlechtsspezifischen Einflüssen unterliegen, und das vermutlich sowohl vonseiten der Patientinnen und Patienten als auch vonseiten der behandelnden Ärztinnen und Arzte.

Welche geschlechtsspezifischen Einstellungen und Erwartungen bei den betroffenen und den behandelnden Personen in Abhängigkeit vom Geschlecht in der Informationsvermittlung eine Rolle spielen, ist derzeit Gegenstand einer Untersuchung der neurologischen Universitätsklinik der Medizinischen Universität Graz. Auf dem Weg zu einer optimierten Betreuungsqualität müssen auch derartige Faktoren Beachtung finden.

Univ.-Prof. Dr. Siegrid Fuchs (Foto) Mag. Marisa Loitfelder Univ.-Prof. Dr. Franz Fazeka Universitätsklinik für Neurologie, Graz
© MMA, CliniCum 7-8/2010
MS, Multiple Skerlose Foto: Schering