Pauschaltourismus oder Expedition
Was in die Reiseapotheke gehört

© istockphoto, piotr antonów
WIEN – Jede Urlaubsreise wird sicherer, wenn eine gut ausgestattete Reiseapotheke mit dabei ist. Deren Zusammensetzung soll nie nach einem starren Schema erfolgen, sondern muss sich an den zu erwartenden Gesundheitsrisiken, dem Reisestil, der medizinischen Versorgung vor Ort sowie dem medizinischen Fachwissen des Reisenden orientieren.

Medikamente, die der Patient auch zu Hause regelmäßig braucht, gehören grundsätzlich hinein. Sie müssen in ausreichenden Mengen mitgeführt werden. „Dabei ist zu bedenken, dass Opioide, Schlafmittel oder Psychopharmaka sowie alle Produkte ohne Verpackung Probleme am Zoll bereiten können“, erklärte Univ.-Doz. Dr. Ursula Hollenstein, Traveldoc, Reisemedizinisches Zentrum, Wien, bei einer Fortbildungsveranstaltung für niedergelassene Ärzte. „Neben den regelmäßig einzunehmenden Arzneimitteln gehören auch Medikamente gegen Schmerzen, Fieber, Durchfall, Verstopfung oder allergische Reaktionen in jede Reiseapotheke.“ Dabei gilt: am besten jene Mittel mitnehmen, die sich bereits zu Haue bewährt haben.

Schmerzen, Fieber, Durchfall

Zur Behandlung von Schmerzen und Fieber gut geeignet sind Mefenaminsäure oder Paracetamol. Für Erwachsene können zusätzlich nichtsteroidale Antiphlogistika wie Ibuprofen oder Diclofenac mitgeführt werden. Gegen Durchfall sollte nicht nur ein geeignetes Antibiotikum in der Reiseapotheke sein, sondern auch etwas, das die Beschwerden erleichtert. „Es gibt einfach Situationen, in denen man nicht stündlich auf die Toilette rennen kann“, sprach sich Doz. Hollenstein für den gezielten Einsatz von Motilitätshemmern aus.

Auch Übelkeit, Erbrechen und Bauchkrämpfe sollte man lindern können.“ Bei schweren, anhaltenden Durchfällen ist die Gabe eines Antibiotikums indiziert. Hierfür wurde Rifaximin in den letzten Jahren sehr beworben. Da es nicht resorbiert wird, wirkt es aber nur gegen nicht invasive Keime. „In die Reiseapotheke gehört ein resorbierbares Antibiotikum“, betonte Doz. Hollenstein. „Hier war Ciprofloxacin bislang das Mittel der Wahl.

Auf Grund steigender Resistenzen vor allem in Südasien wird dieses nun vermehrt von Azithromycin abgelöst.“ In Fachkreisen kaum diskutiert, aber für Betroffene umso unangenehmer sei die Reiseverstopfung. „Menschen, die daran leiden, sollten immer auch ein mildes Abführmittel mithaben“, empfahl Doz. Hollenstein.

Mit ins Gepäck bei Reisen in warme Länder gehören auch Insekten- und Sonnenschutzmittel sowie eine Creme zur Behandlung von allergischen Reaktionen nach Mückenstichen oder übertriebener Sonnenexposition. „Kortisonhältige Topika sind hier wirksamer als die üblicherweise empfohlenen Antihistaminika“, präzisiert Doz. Hollenstein.

Zur Behandlung von Weichteilinfekten, Tierbissen oder Lymphangitiden empfiehlt die Expertin „gute, alte“ Cephalosporine wie etwa Cefazolin. Zur Prophylaxe und Therapie einer Otitis externa, die bei Tauchern häufig auftritt, sind essigwasserhältige Ohrentropfen die Therapie der Wahl.

Reisen ins Off

Bei Abenteuerreisen mit exotischen Destinationen sollte man auch für Verletzungen gut ausgerüstet sein. Neben den üblichen Utensilien – Heftpflaster, Verbandstoff, elastische Binde und Antiseptikum – sollte man Spritzen, Nadeln, Nahtmaterial sowie eine Schere und Fremdkörperpinzette dabei haben. Für Trekking-Reisen in Asien empfahl Doz. Hollenstein Metronidazol einzupacken. „Infektionen mit Lamblien sind dort häufig. Auf Grund der typischen Klinik – anhaltende Übelkeit, Durchfall und starke Blähungen – lässt sich die Erkrankung leicht erkennen und gut behandeln.“

Geht die Reise in sehr hochgelegene Regionen, muss die Reisapotheke auch mit Medikamenten zur Behandlung der Höhenkrankheit ausgestattet sein. Die Beschwerden reichen von harmlosen Kopfschmerzen bis hin zum Hirnödem mit hoher Letalität. Leichtere Beschwerden sind meist selbstlimitiert und verschwinden mit fortschreitender Akklimatisation. Zur Förderung der Höhenanpassung kann Acetazolamid eingesetzt werden.

Die Prophylaxe und Therapie eines Höhenlungenödems erfolgt mit Nifedipin. Das Höhenhirnödem wird mit hoch dosiertem Kortison (Dexamethason Amp.) behandelt. Abschließend behandelte Doz. Hollenstein das Thema Thromboseprophylaxe. Ihren Aussagen zufolge sei die Gabe eines niedermolekularen Heparins bei Langstreckenflügen nur für Personen mit an sich erhöhtem Thromboserisiko indiziert. Ansonst genüge es, während des Fluges auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten, auf Alkohol und Schlafmittel zu verzichten und die Beine wiederholt zu bewegen.

AMK

Fortbildungsveranstaltung Infektionsmanagement der Fa. Pfizer; Wien, April 2010

MMA 2010

Für (fast) jede Reiseapotheke

    Schmerzmittel
    Darm
  • krampflösend
  • gegen Übelkeit
  • Motilitätshemmer
  • resorbierbares Antibiotikum
    Juckreiz (Insektenstiche)
  • Antihistaminika, besser Kortisoncreme
    Verletzungen
  • Desinfektion, Pflaster, Mullkompressen

Wovon man abraten sollte

  • kein ASS in großen Höhen (CAVE: Gerinnungshemmung)
  • keine Schlafmittel in großer Höhe (CAVE: Hemmung des Atemzentrums)
  • Hypertonie-Patienten wenn möglich in großer Höhe keine Betablocker (beeinträchtigen die Höhenanpassung)
  • Insulin darf nicht frieren.
  • Blutzuckermessung in großen Höhen oft falsch
  • kein Diamox zur AMD-Prophylaxe (CAVE: metabolische Entgleisung)
  • Suppositorien sind bei Reisen in warmen Ländern ungeeignet.